01.11.2007

Flitterwochen

Am Sonnabend sei ein orientalisch aussehendes Pärchen im Dunkeln ohne Auto im Dorf angekommen. Das war alles.

Weil die Geschichte inzwischen in so vielen Blogs veröffentlicht wurde, weiss ich garnicht mehr, wo ich sie zuerst gefunden haben:

Kathrin (Musafira) und Omar, zwei Menschen muslimischen Glaubens, haben Anfang Oktober geheiratet und wollten in der Lüneburger Heide eine Woche in einem Ferienhaus verbringen. Scheinbar reicht es dort inzwischen aus, wenn ein orientalisch aussehendes Pärchen im Dunkeln ohne Auto im Dorf ankommt, damit diese in den Verdacht terroristischer Umtriebe geraten.

Kathrin berichtet in ihrem Blog:

Am Donnerstagabend hatten wir grade eine Partie Scrabble beendet, die ich leider verloren habe. Ich bin eine ganz schlechte Verliererin und legte mich aufs Sofa. Omar ging ins Bad, als es heftig an der Haustür klopfte. Ich schrak auf, konnte mich aber vor Herzklopfen nicht rühren. Dann klopfte es ein zweites Mal heftig. Omar eilte schon aus dem Badezimmer und rief mir zu, dass er an die Tür gehen würde. Ich versuchte mir noch schnell mein Gebetskleid überzuziehen, da ich in dem Moment natürlich kein Kopftuch trug.

Omar rief unterdessen "Einen Augenblick, bitte" in Richtung Tür und schaute durch den Vorhang der vor der Glastür hing. "Polizei, bitte aufmachen" rief es von draußen. Omar schloss die Tür auf und öffnete die Tür, als die Polizei auch schon in das Haus stürmte. Omar hielt einen Arm vor die Tür mit der Bitte "Einen Augenblick, meine Frau zieht sich grade an". Ein großer Polizist in schusssicherer Kleidung drückte seinen Arm weg und ein älterer grauhaariger Herr (der befehlsführende Beamte) hielt Omar seine Dienstmarke vor das Gesicht. Der große und zwei andere Beamte preschten in der Zeit voran in das Haus. Der ältere Herr kam mit Omar in den Wohnraum. In der Zeit hatte ich es noch geschafft, mich anzuziehen und ging auf den Beamten zu und streckte ihm meine Hand zur Begrüßung entgegen, was aber nicht erwidert wurde. Omar und ich mussten uns dann hinsetzen aufs Sofa, während das Haus durchsucht wurde. Mindestens zwei Beamte gingen nach oben in die Schlafzimmer und kamen nach einer halben Minute wieder nach unten. Ein Beamter schaute sich die Walsroder Tageszeitung an, die auf einem Tisch lag. Wir hatten sie am selben Tag in einem nahegelegenen Dorf gekauft. Wir können uns beide nicht erinnern, dass das Badezimmer durchsucht wurde.

Der ältere Beamte der Kriminalpolizei in Soltau setzt sich nun auf das Sofa gegenüber von uns und erklärte uns, jemand hätte am selben Tag folgende Indizien gemeldet: Am Sonnabend sei ein orientalisch aussehendes Pärchen "im Dunkeln" ohne Auto in Dorf angekommen. Das war alles.

Unglaublich, bei diesem Einsatz waren 8 Beamte zugegen. 4 hatten das Haus umstellt und 4 waren in die Wohnung gekommen.

Politblog.net hat später mit dem Pressesprecher der zuständigen Polizeiinspektion Soltau-Fallingabostel über den Vorfall gesprochen

Er wollte darauf hinweisen, dass es sich um keine Hausdurchsuchung gehandelt habe, sondern um eine Sicherungsmaßnahme zur Gefahrenabwehr. Man müsse diese Maßnahmen vor dem Hintergrund der internationalen Lage sehen. Auch wenn wir in Deutschland noch nicht so unmittelbar betroffen seien, müsse man auch aufmerksame und besorgte Nachbarn verstehen. Ob es denn üblich und nötig sei, eine solche "Personenkontrolle" zu nachtschlafender Zeit und mit einem derartigen Aufgebot durchzuführen, wollte Politblog wissen. "Ja, das sei in solchen Fällen durchaus angemessen", so die Antwort des netten Beamten aus Soltau.

Irgendwie fällt mir dazu nichts mehr ein. "Sicherungsmaßnahme zur Gefahrenabwehr"? Ich glaube, wir müssen uns mal entscheiden, welchen Preis wir für all die Maßnahmen gegen die Terrorgefahr zu zahlen bereit sind. Ist es noch angemessen, mit der Begründung der Gefahrenabwehr die Privatsphäre von Menschen in einem solchen Maße zu verletzen? Ich denke, nein.

Auch an anderer Stelle zahlen wir für eine vermeindliche Sicherheit einen viel zu hohen persönlichen Preis, denken wir nur an die Vorratsdatenspreicherung, die Diskussion um die Onlinedurchsuchung, oder an Überlegungen zum Einsatz der Bundewehr im Innern.

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