20.09.2008

Wie kriegt man ganz normale Leute ins Web 2.0?

Bei Kaioo - demnächst OpenNetworX - habe ich vor einigen Wochen ein Netzwerk für Eltern von Kindern mit Behinderungen gegründet.

Bei einem Sozialen Netzwerk handelt es sich um eine Internetplattform, auf der man Kontakte mit anderen angemeldeten Mitgliedern pflegen und Informationen verbreiten und erhalten kann. Dies kann sowohl in Gruppen als auch im Dialog mit einzelnen Mitgliedern erfolgen. Ich habe ja in meinem Blog schon häufiger darüber berichtet.

Soziale Netze im Internet haben zur Zeit einen deutliche Boom, bekannt sind z.B. StudiVZ, SchuelerVZ oder XING.

Was liegt da näher, als diese Technik auch für die Vernetzung von Eltern zu verwenden? - Dachte ich. Mit dem Versuch, Menschen für Kommunikation im Internet zu interessieren, denen das Einstellen eigener Inhalte im Internet eher fremd ist, bin ich ja auch in der Vergangenheit schon gescheitert.

Trotzdem war ich zuversichtlich, dass die Vernetzung vielen Eltern wichtig ist und dass sie deshalb meine Idee aufnehmen würden.

Fehlanzeige - das Elternnetz ungehindert ist bis heute kaum auf Resonanz gestoßen.

Nach fast 2 Monaten haben sich gerade mal acht Leute angemeldet. Eine ganze Reihe von Eltern, die ich persönlich angesprochen habe, haben den Weg in das Netzwerk bis heute nicht gefunden.

Was hindert eigentlich nicht webaffine Menschen daran, sich solchen Netzen anzuschließen? Bei Ebay kauft ja auch jeder ein, der einen Computer einschalten kann. Ein Elternnetz kann ja kaum schwieriger zu bedienen sein, als eine Ebay-Auktion.

Vermutlich sind es andere Hürden, die Leute davon abhalten:

  • Soziale Netzwerke sind vielen Leuten suspekt. Die verständlich Angst, das perönlich Informationen, die man ins Internet stellt, auch von Leute gelesen werden, von denen man das nicht möchte, ist verbreitet.
  • Das Elternnetz ist ein anonymes Gebilde. Über seine Kinder will man vielleicht nicht auf so einer Plattform wie dem Internet kommunizieren.

Wenn ich nachfrage, höre ich Reaktionen, wie "Ich wollte mich schon längst mal dort anmelden, aber ich bin noch nicht dazu gekommen ...", "Ich wollte das schon immer mal lernen ...", "Dazu muß ich demnächst mal einen Kurs machen ...", "Ich gebe das mal meine Mann, der versteht mehr von Computern als ich ..."

Ich vermute, dass die Hürden doch höher sind, als ich mir das als Webworker so vorstellen kann. Es gibt auch Leute, die E-Mail-Kurse besuchen.

Möglicherweise ist es aber auch eine Frage der Bekanntheit.

Ich habe eine Reihe von Personen und Organisation angeschrieben, die als Multiplikatoren für diese Informationen hätten dienen können, aber ich befürchte, die meisten haben meine Mail ignoriert. Im günstigsten Fall liegt sie ausgedruckt auf dem Stapel und wartet darauf, bei der nächsten Mitgliederversammlung unter "Verschiedenes" erwähnt zu werden.

Ich kann nur vermuten, woran das liegt:

  • Man hat meine Mail für Spam gehalten und entsorgt.
  • man will keine Empfehlungen geben, für ein Netzwerk, bei dem die Integrität des Verantwortlichen nicht klar ist - Sie wissen ja nicht viel von mir, außer, dass ich Vater eines Sohnes mit Down-Syndrom bin und selbst das könnte ja erfunden sein.
  • Meine Information hat sich nicht abgehoben, von sonstiger Werbung
  • mein Material war nicht verständlich

Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass noch Reaktionen kommen. Gottes Mühlen mahlen eben langsam.

Von mehreren Stellen wurde mir fest zugesagt, die Information über das Elternnetz in einen Verteiler aufzunehmen, in eine Fall sogar, sie in einer Zeitschrift zu veröffentlichen.

Ich habe wohl zu sehr auf die vielgepriesenen viralen Effekte im Internet gesetzt. Die mag es ja in der Bloggerszene geben, aber eine große und gut vernetzte Szene von Eltern von Kindern mit Behinderung im Web gibt es eben nicht.

Was denkt Ihr, was kann man tun, um Eltern für das Elternnetz zu gewinnen?

Kommentare

1. Andreas schrieb am 20.09.2008:

#

Ich denke, zum einen gibt es tatsächlich bei vielen Menschen Vorbehalte oder geringes Interesse für die Möglichkeiten, sich via Internet auszutauschen.

Zum anderen gibt es aber ja entgegen Deiner Meinung durchaus bereits diverse gut funktionierende Internetplattformen, die von Eltern von Kindern mit Behinderung zum Austausch und zur Vernetzung genutzt werden. Für das spezielle Thema DS sind das in erster Linie das Forum unter www.dielila.de/phpBB2 und die Mailingliste des AK Down-Syndrom unter www.down-syndrom.de - beide Plattformen werden jeweils von mehreren hundert Teilnehmern genutzt. "Behinderungsübergreifend" fiele mir z.B. das rehakids.de-Forum ein, das noch wesentlich mehr Teilnehmer hat.

Und all die, die dort bereits miteinander kommunizieren, fragen sich natürlich, warum sie sich nun zusätzlich an einer weiteren Plattform beteiligen sollen - bietet ihnen das tatsächlich zusätzliche Vorteile und neue Möglichkeiten? Wenn ja, müssten die klarer herausgestellt werden - sonst fürchte ich, wird sich kaum jemand dazu entschliessen, daran teilzunehmen...

LG,

Andreas

2. Walhus schrieb am 21.09.2008:

#

@Andreas. Danke für Deine Anmerkungen.
Ja, es ist sicher richtig, dass Eltern, die sich bereits vernetzt haben, nicht unbedingt auf ein neues Netzwerk warten.
Wenn ich mit anderen Eltern gesprochen habe, habe ich allerdings nie die Rückmeldung bekommen, dass sie schon hinreichend online vernetzt sind. Kommunikationsmöglichkeiten im Internet sind den meisten eher unbekannt.

Vielleicht hast du recht, dass es für Eltern, die das Internet selbstverständlich zur Kommunikation nutzen, auch entsprechende Plattformen gibt. Ich meinte übrigens nicht, dass es noch keine funktionieren Internetangebote gibt, sondern, dass Eltern nicht den Vernetzungsgrad und -charakter haben, wie z.B. die Bloggerszene, in der ja Informationen häufig sehr schnell aufgegriffen und verbreitet werden.

Ich glaube nicht, dass ein neues Elternnetz in seiner frühen Phase schon so viel zu bieten hat, dass es für Eltern ein Ersatz zu einem bestehenden und funktionierenden Netzwerk sein kann. Insofern sind die Eltern, die bereits in anderen Netzen aktiv sind, zu Anfang eher nicht meine primäre Zielgruppe. Wenn (falls) das neue Netzwerk irgendwann mal funktioniert, wird sich zeigen, ob seine Besonderheiten dazu geeignet sind.

Es kann natürlich sein, dass der "Markt" für Elternnetzwerke bereits "gesättigt" ist.

Die Diskussion, ob Foren oder Soziale Netzwerke ala Kaioo oder vielleicht doch Mailinglisten geeigneter sind will ich hier nicht führen. Ich glaube, sie füht zu nichts.

Gruß
Michael

3. Andreas schrieb am 21.09.2008:

#

Tja, das ist ein großes Problem - es gibt tatsächlich noch sehr viele Eltern (auch deutlich jüngere als wir), für die Foren oder Netzwerke im Internet böhmische Dörfer sind. Schade, denn das bedeutet, auf unzählige Kontakte und Austauschmöglichkeiten zu verzichten - ich bin sehr froh, dass wir nicht auf den mehr oder weniger zufälligen Austausch mit einigen wenigen Leuten hier vor Ort beschränkt sind!

Und auf die Form der Plattform kommt es meiner Meinung nach weniger an - ob ein "traditionelles" Forum oder ein "soziales Netzwerk" macht da kaum einen Unterschied; es kommt mehr darauf an, WIE man das nutzt. Mailinglisten finde ich persönlich allerdings reichlich veraltet und unkomfortabel, erinnert doch sehr an die frühen 90er... aber auch die werden noch von unzähligen Leuten mit Freude genutzt... ;-)

Grüße,

Andreas

4. Walhus schrieb am 23.09.2008:

#

Leider ist es oft genau der Austausch vor Ort, der im Internet fehlt. Viele Schwierigkeiten, die mit regionaler Infrastruktur zu tun haben, lassen sich nur begrenzt im Internet behandeln.

5. Ina schrieb am 08.10.2008:

#

Das, was Du schreibst, kann ich gut nachvollziehen. Ich glaube, man muß viel Geduld haben. Solche Strukturen müssen wachsen. Auch glaube ich, dass Online-Plattformen überschätzt werden. Wenn es um Inhalte geht, also vielleicht zunächst eimal um Austausch, einander kennenlernen, gemeinsam z.B. Petitionen oder was auch immer auszuarbeiten und sich für Ziele einzusetzen, dann ist es doch egal über welchen Kanal ich kommuniziere. Da ist doch telefonieren oder mailen genauso gut oder fast noch direkter, als sich in einem Online-Netzwerk zu treffen.

Die Online-Plattform oder ein Micro-Blogging-Account, wie z.B. Twitter sind doch nicht mehr und nicht weniger als weitere Kommunikationskanäle, neben den bisherigen. Jeder sucht sich dann einfach den für ihn am besten geeigneten Kanal aus.

Vielleicht könntest Du das Elternnetzwerk in Form von Gastbeiträgen zunächst einmal in anderen thematisch passenden Blogs vorstellen oder z.B. auf www.offene-plattform.de oder bei Robert Basic im SpeakersCorner?

6. Maren schrieb am 21.10.2008:

#

Setz Dich doch mal mit denen (Elterninitiative behinderter Kinder Berlin-Neukölln e.V., Tel./Fax: 030-687 30 31) in Verbindung. Vielleicht gibt's da Eltern, die sich online austauschen wollen.

Viel Erfolg und Geduld,
Maren

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