Mit der Gesamtschule zu einer Schule für alle?
Veranstaltungsreihe »Welche Schule brauchen unsere Kinder«Am vergangenen Donnerstag war ich bei einer Veranstaltung mit dem Titel, "Mit der Gesamtschule zu einer Schule für Alle", die im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Welche Schule brauchen unsere Kinder?" von der GEW, der Aktion Menschenstadt, der LAGA und dem Kinderschutzbund NRW durchgeführt wurde.
Die Besucherzahl war etwas enttäuschend, überwiegend waren Lehrer anwesend, (naja, fand ja auch im GEW-Haus statt, was will man erwarten), ich war der einzige, der als Vater eines Kindes mit Behinderung teilnahm.
Wie gesagt, es ging um die Gesamtschule. Als Referentin war Ingrid Wenzler von der gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule eingeladen, eine entschiedene Verfechterin der Gesamtschule, die anhand vieler Zahlen und Vergleiche belegte, dass die Gesamtschule nicht so schlecht ist, wie ihr Ruf.
So habe die Gesamtschule bei der Pisastudie nicht so schlecht abgeschnitten, wie immer wieder publiziert wird. Vergleicht man sie nicht mit dem Gymnasium, sondern ziehe zum Vergleich den Mittelwert der Ergebnisse der drei Regelschultypen heran (was sicher auch eine sinnvolle Betrachtung ist), schneide die Gesamtschule erstaunlich gut ab.Trotzdem werde die Gesamtschule bei der Diskussion um die eine Schule für alle heute von allen Akteuren außen vor gelassen, obwohl diese Schule ihrer Ansicht nach die meiste Erfahrung mit Integration habe. In allen Dokumenten, Konzepten und Analysen, die im Rahmen der Diskussion um die eine Schule für alle erstellt wurden, spiele die Gesamtschule keine Rolle. Man müsse sich aber doch fragen, mit welcher Schule man denn das Ziel einer inklusiven Schule erreichen wolle und das sei die Gesamtschule eben doch sehr geeignet.
Ganz offensichtlich ist die Gesamtschule zur Zeit nicht salonfähig, niemand wagt, diesen Schultyp noch ins Gespräch zu bringen, selbst die Grünen und die GEW stehen nach Ansicht von Frau Wenzler nicht mehr hinter der Gesamtschule. Leider brachte dieser Vorwurf an die GEW die Veranstaltung in eine Richtung, die letztlich nicht zielführend war. Einige persönliche Kränkungen schienen dabei auch eine Rolle zu spielen.
So ergebnissreich, wie die interessante Analyse von Frau Wenzler hoffen ließ, endete die Veranstaltung dann auch nicht.
Bei der (von mir gestellten) Frage, wie in der Gesamtschule denn der Ausbau des Gemeinsamen Unterrichtes erfolgen könne, wurde in der Diskussion doch eher eine situationsbezogene Analyse versucht, als eine visionäre.
Wenn die Gesamtschule schon jetzt so erhebliche Integrationsleistungen erbringe, dann können man den Kollegen doch nicht auch noch die Integration von Kindern mit Behinderung zumuten, war eine geäußerte Position, auf die ich im Rahmen einer solchen Veranstaltung eigentlich einen deutlicheren Widerspruch erwartet hatte.
Ich habe es auch dort gesagt: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Lehrer oder Schulträger in Deutschland öffentlich äußern, sie könnten keine Migrantenkinder mehr nehmen, ohne dass es zu einem Aufschrei in Gesellschaft und den Medien kommt. Aber mit der Äußerung, Kinder mit Behinderung könne man nicht auch noch unterrichten, man sei schon genug belastet, erhalten Lehrer und Schulen heute durchaus Zustimmung.
Insgesamt schien eine Verständigung darüber schwierig, wie denn der Weg zu einer Schule für alle mit der Gesamtschule konkret aussehen könne. Den aus meiner Sicht erforderlichen ersten Schritt der Öffnung aller Gesamtschulen für Kinder mit Behinderung wollte die Referntin jedenfalls nicht so bedingungslos unterstützen.
Ich habe das hier schon mehrfach geschrieben. Ich war selbst Schüler an einer Gesamtschule und stehe zu diesem Schultyp. Ich würde es begrüßen, wenn die Gesamtschule sich zu einer echten Schule für Alle entwickeln würde, das setzt aber voraus, dass sie sich bedingungslos für Kinder mit Behinderung öffnet.
Ich befürchte allerdings, dass Eltern noch eine lange Zeit erheblichen politischen Druck ausüben müssen, bis dies Normalität ist. Viel zu sehr ist noch die Phantasie vom einem "besten Förderort" in den Köpfen von Lehrern, Schulräten und Bildungspolitikern verankert, an dem man unsere Kinder besonders effektiv einer "sonderpädagogischen Behandlung" unterziehen kann (sie nennen es fördern). Leider wird die Sonderschule da auch immer noch als Option gehandelt. Wenn sich das nicht ändert, werden wir dem Ziel einer Schule für alle letztlich nicht näher kommen.
http://www.eine-schule-fuer-alle.info/Termine/
Tags: Schule, Sonderschule, Behinderung, Integration, Inklusion, Gemeinsamer Unterricht, GEW, eine Schule für alle, Gesamtschule
Kommentare
2. Gabi Schaefer schrieb am 24.02.2009:
#Sehr geehrte Frau Wenzler
Mit ihren Ausführungen zur Integration behinderter Kinder gehe ich konform. Es ist letztlich meiner Meinung nach alles die Kunst des Möglichen.Wie wäre es , wenn man den betroffenen Eltern ehrlich je nach Bundesland die kurzfristig machbaren Möglichkeiten mit all ihren Vor- und Nachteilen aufzeigen würde und die Entscheidung den Eltern überlassen würde.
1. Ingrid Wenzler schrieb am 07.12.2008:
#Lieber Besucher des Abends in Essen, lieber Herr Baumeister,
vielen Dank für die persönliche Darstellung des Abends: Mit der
Gesamtschule zur einen Schule für alle Kinder.
An einer Stelle scheint mir aber eine entscheidende Aussage zu fehlen, an die ich erinnern möchte. Ich habe auf einen Ihrer Beiträge geantwortet, dass ich mich dafür schäme, wie in diesem Land mit der schulischen Integration behinderter Kinder umgegangen wird. Das meine ich so, wie ich es gesagt habe, und es ist mir wichtig, dass es nicht untergeht. Ich weiß von sehr vielen Lehrenden in Gesamtschulen, dass sie dies genauso sehen wie ich. Wenn ich bezogen auf die Gesamtschule nicht gefordert habe, dass alle Gesamtschulen sofort Kinder mit Behinderungen integrieren, dann aus dem Grund, dass Integration mehr ist als Aufnahme. Integration (noch sind wir nicht bei Inklusion) bedeutet auch, den Kindern möglichst gerecht zu werden, sie einigermaßen angemessen fördern zu können. Das erfordert personelle Ressourcen und sächliche Ausstattung. Dort, wo dies ermöglicht wird, sind Gesamtschulen im Sekundarbereich I die Schulen mit den meisten integrierten Kindern. Dies gilt in besonderem Maße für die Gesamtschulen in Hamburg und im Regierungsbezirk Köln. Aber auch in den anderen Regierungsbezirken gibt es jeweils mehrere Gesamtschulen, die regelmäßig behinderte Kinder fördern. Dies wuchs aus den Grundschulen hoch.
Worauf ich hinweisen möchte, ist aber auch, dass dies in der Öffentlichkeit, auch von Seiten der Interessenverbände behinderter Kinder, selten genannt und anerkannt wird. Aussagen, die mir begegnen, beziehen sich überwiegend auf die Beispiele, wo es sich schwierig darstellt, selten auf die Schulen, die schon gute Arbeit leisten. Das finde ich nicht nur schade, sondern auch hinderlich. Hier könnte auch von Seiten der Eltern behinderter Kinder neu nachgedacht werden, ob nicht eine konstruktivere Zusammenarbeit durch einen Umgang miteinander, der auch die Anerkennung des Erreichten beinhaltet, erreicht werden könnte. Selten werde ich in ein Gespräch verwickelt, in dem, ausgehend von gewürdigtem Erreichtem, der weitere Ausbau gemeinsam überlegt wird. Oft, wie letzten Donnerstag, erlebe ich, dass das Ungenügende, das gesellschaftlich nicht die Gesamtschulen zu verantworten haben, ihnen aber vorgeworfen wird und man dann - als überzeugte Inklusionsbefürworterin - eben doch wieder als Abwehrende dasteht. Das ist sehr bedauerlich - und schafft Gegensätze, die nicht nötig und auch nicht berechtigt sind.
In diesem Sinn herzlichen Gruß
Ingrid Wenzler