06.12.2008

Keine freie Schulwahl für behinderte Kinder

Fernsehbeitrag über die Ausgrenzung von Kindern mit Behinderungen aus dem Schulsystem

Am vergangenen Donnerstag brachte die ARD im Rahmen der Kontraste einen Beitrag über die Ausgrenzung von Kindern mit Behinderungen.

Eine Schule in Baden-Württemberg darf keine Behinderten mehr aufnehmen. Die Landesregierung hat den Unterricht, in dem Behinderte integriert werden, für die Schulanfänger verboten. Das Schulprojekt war bislang geduldet worden. Müssen die Kinder jetzt in eine Sonderschule? Das würde gegen Völkerrecht verstoßen, denn in der UN-Konvention für die Rechte Behinderter ist ein freier Schulzugang festgelegt.

Es gibt inzwischen eine Transkription und auch ein Video der Sendung.

Der Beitrag ist eine unbedingte Empfehlung. Das war einer der besten Fernsehbeiträge, die ich zum Thema Kinder mit Behinderung und Schule bisher gesehen habe.

Besonders gut wird herausgestellt, wie alle Kinder vom gemeinsamen Unterricht profitieren.

Unglaublich unqualifiziert zeigt sich der Staatssekretär im Ministerium für Kultus Baden-Württemberg, Herr Wacker, der behauptet, Beschwerden von Eltern, die sich über das ausgrenzende Bildungssystem beschweren, nehme er nicht wahr.

Tja, nicht nur Herr Wacker leidet ganz offensichlich an Wahrnehmungsstörungen, was die Notwendigkeit inklusiver Schulbildung angeht.

Baden-Württemberg schießt in Sachen Ignoranz gegenüber den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderung zur Zeit den Vogel ab, ich bin mir aber sicher, dass vergleichbare Töne durchaus auch aus den NRW-Ministerien zu hören wären.

Bereits 20 Minuten nach der Ausstrahlung fanden sich unter dem Beitrag im Kontraste-Blog über 100 Kommentare, inzwischen sind es fast 300.

Noch was technisches:

Der Film liegt im Windows-Meta-Format (WMV) vor. Also wieder mal nur an die Windows-Nutzer gedacht.

Auf meinem Linux-Rechner kann ich den Film mit dem Mplayer abspielen, vorausgesetzt, der entsprechende Codec (w32codecs) ist installiert:

mplayer mms://stream4.rbb-online.de/rbb/kontraste/2008-12-04-behinderte.wmv

lädt das Video und spielt es ab.

Kommentare

1. Reinhard Kossak schrieb am 30.01.2009:

#

Nachdem ich vor ein paar Wochen die Kontraste-Sendung gesehen habe, möchte ich heute einige Gedanken dazu äußern. Das Thema INTEGRATION in der Schule stellt sich m. E. nämlich vielschichtiger dar.

Wenn die UN, unsere Gesellschaft - oder im Kleinen: die Eltern- und Lehrerschaft einer Stadt, eines Schulbezirks oder einer einzelnen Schule - zu der Überzeugung kommen, dass es keine Ausgrenzung bestimmter Kinder und Jugendlicher geben darf, dann muss dieses für ALLE gelten.

Also auch für Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten: Die heile Welt einer Waldorfschule oder eines Gymnasiums könnte vor großen Herausforderungen stehen, wenn dort nicht nur Kinder mit Down-Syndrom, sondern auch schlagende, spuckende, pöbelnde, kriminelle, bekiffte, schreiende und psychisch kranke Kinder eingeschult würden. Unterschicht-Vokabeln wie -H...sohn-, -F...deine Mutter- und anderes würden täglich, stündlich den bislang gepflegten Sprachgebrauch bereichern. Diese Schüler haben in den letzten Jahren gelernt, dass sie von der Gesellschaft (als zukünftige Sozialleistungsempfänger) abgeschrieben sind. Sie sehen in der Befolgung schulischer Regeln für sich selbst keinen Sinn und kommen irgendwann im Laufe des Vormittags z. T. völlig bekifft in die Schule, um dort ihre Kollegen zu treffen, nicht aber, um sich fördern zu lassen. Auf den vom Kultusministerium geforderten Förderplan, einem im Laufe der Zeit bis 2 kg schweren Aktenordner (pro Schüler) könnte man in sehr vielen Fällen einen Aufkleber mit dem Vermerk FÖRDERRESISTENT anbringen.

Möglicherweise kann es ja bei einigen dieser Kinder durch die schulische Integration gelingen, dass sie auf einen positiveren Weg kommen und sich an besseren Leitbildern (anstelle der Kumpels aus der bisherigen Szene) neu orientieren. Ich habe da so meine Zweifel. Allerdings fällt mir da auch so schnell keine Lösung ein.

Jedenfalls kann es nicht sein, dass an unseren Allgemein Bildenden Schulen nur ein paar "nette" Kinder mit geistiger oder körperlicher Behinderung (und engagierten Eltern) integrativ beschult werden (sollen), aber Zehntausende, ach was, Hunderttausende von Schülern an Förderschulen in ihrem sozialen Sumpf und schulischem Ghetto verbleiben. Hier wächst eine sehr problematische Generation heran, die zu großen Teilen das Kleine Einmaleins weder im mathematischen noch im mitmenschlichen Sinne beherrscht.

Eine TV-Redaktion wie die von Kontraste sollte vielleicht einmal darüber nachdenken, ob das Bild, das ihre Sendung vermittelt hat, neben schwarz und weiß nicht auch noch einige wesentliche andere Nuancen bietet.

Nach 25 Jahren engagierter Arbeit in der Förderschule stelle ich mir derzeit für meine eigene berufliche Zukunft grundlegende Fragen...

R.K. Lehrer an einem Förderzentrum

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