27.05.2009

Eine Schule für alle in Dorsten

Am vergangenen Montag fand in Dorsten im Schulzentrum an der Pliesterbecker Straße einen Veranstaltung von SPD und Grünen zum Thema Eine faire Chance für alle Kinder - welche Schulen brauchen wir? statt.

Redner waren die Landtagsabgeordnete Marlies Stotz und der Bürgermeisterkandidat von SPD und Grünen Dr. Hans-Udo Schneider.

Frau Stotz stellte dar, dass es seit der Einführung der Gesamtschule keine wirkliche Schulreform mehr gegeben habe. Gleichzeitig könne man aber eine schleichende Verschlechterung der Schule in NRW feststellen, die sich besonders auf die Hauptschule auswirke.

Die meisten Eltern wollten Ihrer Ansicht nach nicht die Hauptschule für ihre Kinder, sonderen würden eine Schule bevorzugen, an der alle Abschlüsse möglich sind. Dies zeige auch die Tatsache, dass in NRW 15000 Abweisungen pro Jahr bei Anmeldungen zur Gesamtschule erfolgen müssen, während nur noch 14% der Eltern die Hauptschule wählten - 1970 waren es 54%, 2007 noch 20%.

Die SPD fordert ein gerechtes beitragsfreies Bildungssystem bis zum Ende des ersten Studiums (Abschaffung der Studiengebühr), alle Schulen sollen Ganztagsschulen werden, keine Abschulung, kein Sitzenbleiben, jedes Kind soll mitgenommen werden. Das Pinzip der schultypspezifischen Lehrerausbildung wird abgelehnt. Eine Differenzierung soll frühestens ab Klasse 7 erfolgen.

Herr Dr. Schneider möchte keinen Schulkampf, aber er möchte die Debatte um die Schule auch in Dorsten führen. Zur Zeit werde zu sehr damit gearbeitet, Eltern Angst zu machen, aber "Wer Ängste schürt, hat etwas zu verbergen".

Sein Ziel sei es, Strukturen für die beste Bildung zu schaffen. Dabei bezeichnete er das dreigliedrige Schulsystem als Relikt aus dem letzten Jahrhundert, betonte aber zugleich immer wieder, er wolle den Eltern nichts aufdrängen und auch keine Schulform "platt machen". Ihm sei es - das sagte er mehrfach - wichtig, mit Eltern ins Gespräch zu kommen. Die Stadt brauche einen neuen Schulentwicklungsplan mit Bürger-, insbes. mit Elternbeteiligung.

Die Grünen in Dorsten fordern ja bereits seit längerem eine neue Gesamtschule im Schulzentrum Holsterhausen, in dem jetzt auch die Veranstaltung stattfand. Herr Dr. Schneider wollte sich nicht auf diese Forderung festlegen, sieht sie aber als eine von mehreren Möglichkeit für das Schulzentum. Als Optionen nannte er:

  • Eine neue Gemeinschaftsschule im Schulzentrum
  • eine Gesamtschule im Schulzentrum
  • Eine Gemeinschaftsschule und Auflösung der Gerhard-Hauptmann-Realschule

Herr Schneider stellte dar, dass in Dorsten deutlich mehr Schüler (10%) die Förderschule besuchen, als im Landesdurchschnitt (7%). Vor allem sei ein überdurchschnittlicher Teil ausländischer Kinder an Förderschulen zu finden, was er sehr kritisch sieht.

Das war dann aber auch die einzige Erwähnung der Förderschule in seinem Vortrag. Frau Stotz ging auf das Thema überhaupt nicht ein.

Zu seinen schulpolitischen Möglichkeiten in der Kommune stellte er fest:

  • Die Weichenstellung erfolgt in Düsseldorf
  • Die Stadt muß tun, was sie tun kann

Auf meine Frage, was er als Bürgermeister tun würde, um das Recht von Kindern mit Behinderung auf inklusive Schulbildung zu unterstützen betonte Herr Schneider, dass er ein eindeutiger Befürworter des gemeinsamen Unterrichtes sei. "Sie sprechen mir aus der Seele" sagte er zu meiner Darstellung der Rechte, die sich durch die UN-Konvention für Kinder mit Behinderung ergeben. Wolle man das Thema allerding umfassend erörten, bedürfe es einer besonderen Debatte. (Ja, das tun sie gern, die Bildungsstrategen. Das Thema zur eigenen Debatte erklären und auf irgendwann vertagen. Aber ich will Herrn Dr. Schneider nicht unterstellen, das damit gemeint zu haben.)

Allerdings - und das kam mir dann doch kurzsichtig vor - sieht er kaum Einfluß in der Stadt. Die Entscheidungen würden nun mal vom Land getroffen. Letztlich müßten Eltern die Rechte, die ihre Kinder mit der UN-Konvention haben, wohl gerichtlich einklagen.

Ich sehe das anders. Natürlich ist auch der klageweg eine Option, wenn es auf politschem Wege keine Lösung gibt.

Aber die Stadt ist Träger der örtlichen Schulen. Zur Zeit sind wir, wenn wir nicht den Klageweg beschreiten, auf den guten Willen der Schulen angewiesen. Es ist ein Skandal, dass noch immer Lehrer entscheiden können, ob sie unsere Kinder unterrichten wollen oder nicht. Ein Bürgermeister kann da viel erreichen, jedenfalls mehr, als Eltern, wenn sie auf sich allein gestellt sind.

Ein innovativer Schritt wäre sicher auch, die Stadt zu einer inklusiven Stadt zu erklären (bei der Erklärung darf es natürlich nicht bleiben), einer Stadt, zu der Menschen mit Behinderung selbstverständlich dazu gehören. Eine Stadt, die selbstverständlich auf Barrierefreiheit achtet und der daran gelegen ist, dass auch in Schule, Kultur und Arbeitsleben Menschen mit Behinderung ganz normal ihren Platz (und damit meine ich nicht den Platz in der Werkstatt) haben. In solch einer Stadt hätte das Thema gemeinsamer Unterricht einen ganz anderen Stellenwert.

Susanne Fraund von den Grünen hatte für den Abend ein Anmeldepapier für eine Elterninitiative vorbereitet:

Wenn Sie Interesse haben, sich mit Gleichgesinnten zu treffen um an diesem Standort (Pliesterbecker Straße) eine Schulform zu Initiieren, in der

  • Alle Abschlüsse erreichbar sind
  • jedes Kind nach seinen Möglicheiten gefördert werden kann
  • Ihr Kind nicht einen so langen Fahrweg in Kauf nehmen muß
  • den schulentwicklungspolitischen Anforderungen der nächsten 10 Jahre und darüber hinaus Rechnung getragen werden kann

dann laden wir Sie ein!

Teilen sie bitte auf dem unteren Abschnitt mit, wie Sie am besten zu erreichen sind. Sie werden dann gesondert eingeladen. Wir versprechen, die Daten vertraulich zu behandeln.

Susanne Fraund

Dieser Aufruf steht heute übrigens auch in der Dorstener Zeitung (leider nur Papierversion). Ich habe mich an diesem Abend als Kontaktperson mit eingetragen. Wer Interesse an einer solchen Initiative hat, kann sich auch bei mir melden.

Ich verstehe die Schule, die hier letztlich entstehen soll übrigens als eine, die ziemlich genau den Vorstellungen (PDF) des NRW-Bündnisse "Eine Schule für Alle" entspricht. Auch wenn es bis dahin noch ein weiter Weg ist, freue ich mich, dass in Dorsten jetzt ein Schritt in die richtige Richtung passiert. Bleibt zu hoffen, dass sich auch Eltern als Mitstreiter bei der Entwicklung einer solchen Schule finden.

Auf der Homepage von Hans-Udo Schneider gibt es auch Informationen zum Thema

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