24.06.2009

Der Realschullehrerverband und seine ideologische Aufrüstung zum Erhalt des gegliederten Schulsystems

Brigitte Schumann, die ich durch das NRW-Bündniss Eine Schule für alle kenne, hat mir heute diesen interessanten Text geschickt.

Das Copyright für diesen Artikel liegt bei Brigitte Schumann. Die CC-Lizenz, die ansonsten für meine Beiträge gilt, findet hier also keine Anwendung. Trotzdem darf natürlich zitiert und verlinkt werden.

Der Realschullehrerverband
und seine ideologische Aufrüstung zum Erhalt des gegliederten Schulsystems

Die sich zuspitzende Hauptschulkrise, die schlechten PISA- Ergebnisse, das skandalöse Ausmaß der Bildungsungerechtigkeit und die kommunalen Nöte, ein attraktives, wohnortnahes Schulangebot aufrechtzuerhalten, haben die deutsche Schulphilosophie gehörig ins Wanken gebracht. Der unverrückbare Glaube an die leistungs- und begabungsgerechte Dreigliedrigkeit mit dem Gymnasium, der Realschule und der Hauptschule als eigenständige Schulformen findet immer weniger Anhänger.

Konkret schlägt sich das nieder in schulstrukturellen Veränderungen, die von einzelnen Bundesländern schon in Angriff genommen worden sind oder geplant werden. Dabei zeigt sich eine deutliche Präferenz für die Reduktion der Gliedrigkeit durch eine Zusammenführung der Hauptschule mit der Realschule und ggf. mit der Gesamtschule.

Noch verkünden CDU- geführte Bundesländer unverdrossen ihren Glauben an die Dreigliedrigkeit. Noch stimmt auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident scheinbar ungebrochen dieses Credo an. Mit einer „Qualitätsoffensive“ und einer „Optimierung“ innerhalb des Systems versucht die CDU in Nordrhein-Westfalen seit der Übernahme der Regierungsverantwortung vor vier Jahren, die Hauptschule zu „stärken“ und dem bestehenden System den Anstrich von Funktionsfähigkeit zu geben. Aber viele im Land hoffen, dass nach der Landtagswahl 2010 auch die Schulstruktur in NRW kein Tabu mehr sein wird.

Die Schulreform des RLV

Der Realschullehrerverband NRW (RLV) hat sich beizeiten aufgestellt und sich mit Prof. Brenner aus Köln einen Ratgeber gesucht gegen die „Neigung politischer Entscheidungsträger in den meisten Bundesländern zur Auslöschung der Realschule durch Verschmelzung mit der Haupt- und Gesamtschule“, so Brenner. Brenners „Grundzüge der Schulreform in Nordrhein-Westfalen“ hat der Verband sich zu eigen gemacht und 2007 weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit als Gutachten herausgegeben.

Die Reform ist darauf gerichtet, die Rollen der Schulformen im Funktionszusammenhang des bestehenden selektiven Schulsystems zu „profilieren“ und den aktuellen Entwicklungen anzupassen. Danach soll die Hauptschule mit der Gesamtschule als Aufbauschule zusammengefasst werden und ein pädagogisch-erzieherisches Profil erhalten. Die Realschule wird um eine Oberstufe erweitert und schärft ihr berufsorientiertes Profil. Das Gymnasium stärkt sein wissenschaftspropädeutisches und akademisches Profil.

Um sich ihren Schülern anzupassen, müsse die Hauptschule „sich wegbewegen von der verfehlten Gründungskonzeption der Verwissenschaftlichung“. Sie brauche eine „radikale Umorientierung: eine massive Hinwendung zur pädagogisch-erzieherischen, wohl auch sozialtherapeutischen und disziplinierenden Arbeit“. Der Auftrag der Hauptschule neige sich „eindeutig der Erziehungsschule zu – und wer will, kann auch hinzufügen: der Disziplinierungs- und Zivilisierungsschule“. Insofern nähere sie sich dem sozialpädagogischen Profil der Gesamtschule an, was wiederum eine Zusammenfassung der beiden Schultypen in der Aufbauschule nahe lege. Die Realschule sei und bleibe dagegen „im Kern die Schule für den Mittelstand, für die Handwerker, Kaufleute, Angestellten und Beamten, die das wirtschaftliche und administrative Rückgrat einer Region bilden.“ Dazu müsse sie sich mutig bekennen. Aus der Hinführung zu diesen Berufen, die immer höhere Ansprüche an das Qualifikationsprofil der Schulabgänger stellten, ergebe sich die Notwendigkeit, neben der beruflichen Ausbildung den „allgemeinen Hochschulzugang zunächst zu den Bachelor-Studiengängen zur selbstverständlichen Anschlussoption eines Realschulabschlusses auszubauen“.

Die Schüler des Gymnasiums müssten auf ihre Aufgaben als Funktionselite vorbereitet werden. Sie bloß „fit für die Zukunft“ zu machen, reiche nicht aus. Sie benötigten vielmehr die Befähigung, die Zukunft zu gestalten. „Sie müssen sich verstehend und gestaltend in komplexen Symbolwelten bewegen können, und darauf muss insbesondre der Lehrplan des Gymnasiums ausgerichtet sein.“

Die Aufkündigung demokratischer und humaner Grundprinzipien

Mit dieser „Reform“ verlässt der Realschullehrerverband den demokratischen Konsens, dass alle Menschen ein Recht auf allgemeine und wissenschaftsorientierte Bildung haben, die ihnen die volle Teilhabe am gesellschaftlichen und beruflichen Leben in eigenständiger Gestaltung ermöglicht.

Die derzeitigen Verlierer unseres ungerechten Schulsystems, die Schülerinnen und Schüler der Hauptschule, werden in geradezu menschenverachtender Weise auf ihre Verliererrolle in unserem selektiven Schulsystem festgelegt. Ihnen wird kein Bildungsangebot mehr zugestanden. An die Stelle von Bildung sollen Disziplinierung und Zivilisierung treten. Dieses Konzept ist eine Neuauflage der alten Hilfsschulpädagogik aus dem 19. Jahrhundert, die die besonders benachteiligten Kinder des Subproletariats für ein angepasstes Leben am Rande der Gesellschaft brauchbar machen wollte.

Bildung für die Schüler und Schülerinnen der Realschule wird reduziert auf die Verwendung und Anwendung von Wissen für bestimmte Berufsfelder, die dem Mittelstand zugeordnet werden. Während sie eher fit gemacht werden für zukünftige Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt, ist es den Gymnasiasten alleine vorbehalten, über Bildung Gestaltungskompetenzen zu entwickeln, da sie später die Schlüsselpositionen in der Gesellschaft übernehmen werden.

Um der Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen entgegenzuwirken, wird auf Kosten der Schüler und Schülerinnen der Hauptschule ein Abstand definiert zwischen Haupt- und Realschulen, der die Hauptschüler zu „Minderwertigen“ abstempelt. Auch diese Strategie lässt Erinnerungen an die Hilfsschulbewegung anklingen. Ihr gelang es, die Abtrennung der „gesunden“ Volksschüler von den besonders benachteiligten und leistungsschwachen Kindern des industriellen Proletariats durchzusetzen, indem sie diese zu einer Restgruppe der „Unbrauchbaren“ erklärte.

Der RLV: Biedermann und Brandstifter zugleich

Im März 2009 haben Realschullehrerverband und Landeselternschaft Realschulen gemeinsam eine breit angelegte Initiative zum Erhalt der Realschulen in NRW gestartet. Die Kampagne, die bis zur Landtagswahl in NRW fortgeführt werden soll, trägt das Motto „ Nur Realschulen BILDEN die Mitte“.

Der Verband operiert ausgesprochen erfolgreich in NRW. Es ist ihm gelungen, das Schulministerium zur Ausrichtung eines „Realschultags“ mit einem klaren Bekenntnis zur Realschule zu bewegen. Dort durfte am 25.4. in Dortmund Prof. Brenner auch das Hauptreferat halten und darlegen, warum die Realschule eine „Chance für Viele“ ist.

In allen Bundesländern haben sich Aktionsbündnisse zum Erhalt des gegliederten Schulwesens gebildet. Motor sind immer die jeweiligen Landesverbände des Realschullehrerverbands und des Philologenverbands. Unter dem Aspekt des demokratischen Menschenbildes sollten diese Bündnisse für das gegliederte Schulwesen genauestens unter die Lupe genommen werden. Es sollte nicht zugelassen werden, dass der Realschullehrerverband in NRW, der sich mit seinen „Reformvorstellungen“ selbst diskreditiert hat, als anerkannter bildungspolitischer Gesprächspartner auf Landesebene ungehindert agieren darf.

Dr. Brigitte Schumann ifenici@aol.com

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