Die Nordwestbahn hat sich einen besonderen Marketing-Gag ausgedacht: Wie die Dorstener Zeitung berichtet, sollen an zwei Tagen in der kommenden Woche SchülerInnen einer Physiotherapieschule im Zug mitfahren und die Fahrgäste massieren.
"Wir möchten unseren Fahrgästen zeigen, wie erholsam Zug fahren sein kann. Viele Kunden haben einen anstrengenden Arbeitstag hinter sich, wenn sie in der NordWestBahn sitzen. Wer acht Stunden am Schreibtisch verbracht hat, braucht ein wenig Bewegung und Tipps gegen Verspannungen", erläutert Andrea Mittermeier von der NordWestBahn, die das Wellness-Programm auf den Weg gebracht hat.
Ich habe laut aufgelacht, als ich das gelesen habe. Wellness-Programm? Zumindest auf der Linie zwischen Borken und Essen sind zwischen Dorsten und Essen die Züge im Berufsverkehr immer gerammelt voll. Ich kann mir garnicht vorstellen, wie da die Massage aussehen soll.
Ausserdem: das einzige, was wirklich zu entspanntem Zugfahren führen könnte, wäre die Verkürzung des Stundentaktes auf mindestens einen halbstündlichen.
Ich bin das Zugfahren ziemlich leid
Irgendwie bin ich es leid, mit dem Zug zu fahren. Seit wir vor 2 1/2 Jahren von Essen nach Dorsten gezogen sind, fahre ich regelmäßig morgens mit dem Fahrrad und dann mit dem Zug nach Essen. Ein Weg dauert ca. 1 1/2 Stunden von Tür zu Tür, davon sind etwa 30 Minuten Zugfahrt. Zu Anfang hatte ich die Hoffnung, diese Zeit sinnvoll nutzen zu können.
Aber Regionalzüge sind nicht bequem und in keiner Weise für etwas anderes geeignet, als sich gequetscht hin zu setzen und Bücher bzw. Hörbücher zu konsumieren. An schreiben ist überhaupt nicht zu denken. Ich habe das mal versucht, aber wenn ich auf dem Schoß in mein Notizbuch schreibe, kann ich hinterher nichts mehr davon lesen, weil der Zug zu sehr wackelt.
Zwar sehe ich immer mal wieder Leute mit Notebooks auf dem Schoß, die eifrig damit werkeln, ich habe aber keine Vorstellung, wie die das machen. Ich vermute, die sind entweder gelenkig wie Akrobaten im Zirkus Krone, oder sie haben ein Jahresabonnement beim Orthopäden.
Der RE14 (Der Borkener), der seit Ende 2006 von der NordWestBahn betrieben wird, macht zunächst mal einen recht modernen Eindruck, ist klimatisiert und hat vergleichsweise moderne Sitze.
Aber die Sitze in Regionalzügen sind eng und wenn man Pech hat (was eher die Regel als die Ausnahme ist) sitzt man anderen langbeinigen Menschen gegenüber und hat nicht einmal die Möglichkeit, die Füße auszustrecken (gut, wollte ich mit dem Notebook arbeiten, würde es auch keine Sinn machen, sie auszustrecken - aber das will ich ja wie gesagt nicht) geschweige denn, vor dem Sitz-Nachbarn zu verbergen, was man gerade liest oder schreibt (hier ist allerdings von Vorteil, dass Handgeschriebenes kaum noch zu lesen ist). So bleibt mir das unangenehme Gefühl, ich vertue meine Zeit.
Hinzu kommt, dass der Zug immer sehr voll ist. Und seit einigen Wochen häufen sich jetzt auch noch die Situationen, in denen nur ein halber Zug eingesetzt wird. Anfangs gab es dann immerhin noch mal eine Durchsage mit einer Entschuldigung, aber inzwischen spart man sich das auch. Ist ja mittlerweile auch fast normal. Folge: Man kann von Glück sagen, wenn man noch einen Sitzplatz ergattert. Die anderen Fahrgäste quetschen sich wie die Sardinen in der Dose. Die Luft ist verbraucht und häufig von Gerüchen durchsetzt, von denen aufdringliche Parfüms noch zu den angenehmeren zählen.
Ich bin seit Anfang des Jahres dazu über gegangen, mindestens an zwei Tagen in der Woche das Auto zu nehmen. Eigentlich finde ich es nicht gut, einer der vielen CO2-ausstoßenden Individualpendler zu sein, aber ich stelle fest, dass mir die tägliche Bahnfahrt doch sehr an die Substanz geht. So habe ich mit mir selbst einen Kompromiss geschlossen.
Ich vermute, so wie mir geht es vielen anderen auch. Regionalzüge sind unkomfortabel und wer es sich leisten kann, fährt lieber mit dem Auto.
Wo sich Kubas Staatschef Castro und Nestlé-Chef Brabeck-Letmathe einig sind
Unter dem Titel Biosprit und die Angst vor steigenden Bierpreisen bringt Telepolis einen lesenswerten Artikel zu den negaitven Folgen der massiven Steigerung des Einsatzes von Bioethanol als Treibstoff.
Wie unter den Befürwortern zur massiven Steigerung des Einsatzes von Bioethanol als Treibstoff bilden sich auch auf der Seite der Gegner sonderbare Allianzen. Während der brasilianische Sozialist Luiz Inácio Lula da Silva sich gemeinsam mit US-Präsident George Bush für den so genannten Biosprit stark macht, verurteilen vom kubanischen Staatschef Fidel Castro über den Chef des weltgrößten Nahrungsmittelkonzerns Nestlé bis zum Deutschen Brauer Bund den zunehmenden Einsatz von Nahrungsmitteln zur Herstellung von Bioethanol. Castro befürchtet, drei Milliarden Menschen könnten über die steigenden Preise für Grundnahrungsmittel verhungern und verdursten, damit in den Industrienationen die Motoren brummen. Der Nestlé-Chef sieht einen "Raubbau am kostbarsten Gut", denn zur Herstellung von einem Liter Treibstoff aus Pflanzen seien 4560 Liter Wasser nötig.
Es gibt keine Alternative zum Energiesparen. Nur Energie, die wir nicht verbrauchen, kann nicht die Umwelt zerstören und hat keine negativen sozialen Folgen für die Menschen in den armen Ländern des Südens.
Und gerade heute muß ich mit dem Auto zur Arbeit fahren (32,5 km), weil der Zug, den ich sonst nehme, nur einmal pro Stunde fährt und die Nutzung des ÖPNV mich täglich fast 2 zusätzliche Stunden kostet. Die Zeit habe ich heute nicht.
Ich beobachte mit Sorge Berichte über Einschränkungen und Stillegungen im ÖPNV. Das genaue Gegenteil müsste erfolgen.
Ich habe den Eindruck, dass Forderungen nach einem Ausbau des ÖPNV zur Zeit eher als Spinnerei abgetan würden. Ich bin trotzdem sicher, es führt kein Weg daran vorbei, mit allen Mitteln für echte Alternativen dazu zu sorgen, dass jeden Tag Millionen von Einzelpersonen allein mit dem Auto fahren.
Städte wollen den Widerstand gegen die Streckenstilllegungen noch verstärken
Wie die Dorstener Zeitung berichtet, wurde auf der gestrigen Verwaltungsrat-Sitzung des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr (VRR) die Entscheidung über die Stillegung zweier Bahnstrecken von und nach Dorsten auf unbestimmte Zeit vertagt.
"Ob und in welchem Umfang dann weitere Leistungskürzungen im Regionalverkehr (RE- und RB-Linien) notwendig werden, hängt von diesen Verhandlungen und Gesprächen ab", heißt es in der VRR-Presseerklärung. Und vor allem deren Schluss-Satz verheißt nichts Gutes: "Alle Verhandlungsbemühungen werden vor dem Hintergrund geführt, das derzeitige Defizit - ausgelöst durch die Kürzungen der Regionalisierungsmittel - weiter zu reduzieren."
Die Städte wollen den Widerstand gegen die Stilllegung in der Zwischenzeit verstärken
"Wir werden auf jeden Fall versuchen mit allen Bürgermeistern den Widerstand gegen die Streckenstilllegungen noch zu verstärken", kündigte Dorstens Verkehrsplaner Dietmar Koch an, dass die Stadt nicht tatenlos abwarten will wie der VRR eines Tages entscheidet: "Das nördliche Ruhrgebiet darf nicht vom Bahnnetz abgehängt werden."
Die Stillegung dieser Bahnstrecken wäre in einer Zeit, wo die Verhinderung des Klimawandels höchste Priorität haben sollte, ein Desaster für die Umwelt. Ausserdem wäre sie eine Katastrophe für Pendler, die aus finanzeller Notwendigkeit auf die Bahn angewiesen sind. Solche Entscheidungen dürfen nicht den wirtschaftlichen Erwägungen des VRR überlassen werden.
Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr will mit Kürzungen auf verminderte Zuschüsse reagieren
"Der Individualverkehr wird zunehmen, was völlig der aktuellen Klima-Diskussion widerspricht. Und Dorsten wird im Bahnnetz sowohl vom Münsterland wie vom Ruhrgebiet abgenabelt!"
... so zitiert die Dorstener Zeitung die Kritik im Umwelt- und Planungsausschuss am so gennannten "8-%-Szenario" des Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR).
Zwei Schienenstrecken (Dorsten-Coesfeld und Dorsten-Dortmund) sollen danach stillgelegt, zwei weitere (Borken-Dorsten-Essen und Dorsten-Oberhausen) reduziert werden.
Der Ausschuss lehnte die Stilllegungen entschieden ab und beauftragte die Verwaltung, gemeinsam mit den anderen betroffenen Kommunen und Kreisen scharf gegen das Kürzungs-Szenario zu protestieren.
Meine Strecke wird wohl weiter erhalten bleiben. Trotzdem ist es erschreckend, wie abhängig der umweltbewusste Bürger von wirtschaftlichen Entscheidungen an anderer Stelle ist. Würde meine Strecke gestrichen, so bliebe mir wohl nur die tägliche Autofahrt von Dorsten nach Essen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob eine privat organisierte Fahrgemeinschaft eine echte Alternative wäre. Wenn ich den Zug verpasse, kann ich den nächsten nehmen. Wenn meine Mitfahrgelegenheit weg ist, sieht das schon anders aus.
Interessante Randbemerkung: Der Kreis Recklinghausen und damit auch die Stadt Dorsten sind vor einiger Zeit aus dem Pendlernetz NRW ausgestiegen.