Die Bilanz für Biosprit ist mies, wie gleich drei aktuelle Studien zeigen
Ein Bericht im Stern zeigt erneut auf, was von Biosprit zu halten ist:
Durch den Biotreibstoff landen mehr Treibhausgase in der Atmosphäre. Und die Nahrungsmittelpreise steigen.
Die Produktion von Biosprit könnte den Klimawandel in vielen Fällen drastisch beschleunigen. Denn in der Endbilanz entstehen durch Produktion und Nutzung des Kraftstoffs aus Mais, Raps oder Palmöl mehr Treibhausgase als durch das Fördern und Verbrennen fossiler Brennstoffe.
Oxfam Deutschland und weitere NGOs fordern in einem Brief (PDF) Nachbesserungen bei den Biospritplänen der EU.
Am 23. Januar 2008 wird die Europäische Kommission ein umfassendes Paket klima- und energiepolitischer Maßnahmen vorschlagen. Darunter finden sich auch Vorschläge zur Erzeugung und Verwendung von Biosprit. Oxfam und zahlreiche weitere Umwelt- und Entwicklungsorganisationen kritisieren nun in einem Brief an die Europäische Kommission, dass der vorliegende, noch inoffizielle Gesetzentwurf die oftmals zerstörerischen Praktiken gegenwärtiger Biosprit-Produktion vor allem in den Entwicklungsländern nicht verhindern wird. Menschenrechtsverletzungen, Vertreibungen von Kleinbauern und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen nebst erheblichen ökologischen Problemen werden die Folge sein. Oxfam und die weiteren NRO fordern erhebliche Nachbesserungen des Gesetzentwurfs.
EU-Pläne für Biosprit drohen Armut in Entwicklungsländern weiter zu verschärfen - und dem Klima ist auch nicht geholfen
Oxfam hat ein Hintergrundpapier über die Auswirkungen von Biosprit auf die Armut in Entwicklungsländern vorgelegt. Das Papier liegt zur Zeit nur in einer englischen Fassung (PDF) vor, eine deutsche Zusammenfassung soll bald erscheinen. In der Ankündigung von Oxfam Deutschland heisst es:
Die EU hat sich vorgenommen, bis 2020 den Anteil von Biokraftstoffen von derzeit einem Prozent mindestens zehn Prozent zu steigern. Möglich wäre dies jedoch nur über Importe von Biokraftstoffen z.B. Biodiesel aus indonesischem Palmöl oder Benzinersatz aus brasilianischem Rohrzucker. Schon jetzt wird im Interesse großer multinationaler Konzerne die Produktion rasant ausgeweitet - mit verheerenden Folgen für Umwelt und Armutsbekämpfung in den Entwicklungsländern.
Es trifft vor allem die armen Menschen in Ländern wie Indonesien, Kolumbien, Brasilien, Tansania oder Malaysia. Menschen verlieren ihr Land und ihre Lebensgrundlagen, werden auf Plantagen ausgebeutet. Die UN schätzt, dass weltweit etwa 60 Millionen Menschen vertrieben werden, sollten sich die gegenwärtigen Trends fortsetzen. Viele von ihnen enden in den großen Slums der Mega-Städte, und die, die bleiben können, sehen sich gezwungen, unter menschenunwürdigen Bedingungen auf den Plantagen zu arbeiten - im Akkord und für einen Hungerlohn.
Attac-Podcast
Schon seit ein paar Wochen wolle ich die Hördokumentation vom Jenaer Internationalen Studierendenkreis (JISK) empfehlen, die bei Attac Deutschland als Podcast (mp3 - 23MB) erschienen ist:

Bioenergie wird in der EU-Komission als Mittel gegen den Klimawandel und als Beitrag zu mehr energetischer Unabhängigkeit groß geschrieben. Bis 2020 sollen 20% der CO²-Emissionen gesenkt werden (Basisjahr dafür ist 1990) und ein Fünftel der Energie soll aus erneuerbaren Energie bereitgestellt werden.
Erschreckend ähnlich sind die Pläne des kolumbianischen Palmölverbandes FEDEPALMA. Dieser möchte die Flächen für Ölpalmen von 2000 bis 2020 um das siebenfache steigern und den Exportanteil erhöhen - was eine gesteigerte Nachfrage nach Land nach sich zieht.
Die Hördoku beschreibt wie insbesondere in der kolumbianischen Provinz Chocó Land für Ölpalmen gewonnen wird. Bewohner afrokolubianischer Gemeinden sind die Leidtragenden: Tausende von ihnen mussten fliehen, hunderte wurden bereits ermordet.
Die Hördoku ist eine copyleft-Produktion und kann zu nichtkommerziellen Zwecken genutzt werden. (Kontakt: simonwoyte@gmail.com)
Update
Dazu passend habe ich gerade einen Artikel mit dem Titel
Kein Palmöl in den Tank! bei Greenpeace gefunden.
Wo sich Kubas Staatschef Castro und Nestlé-Chef Brabeck-Letmathe einig sind
Unter dem Titel Biosprit und die Angst vor steigenden Bierpreisen bringt Telepolis einen lesenswerten Artikel zu den negaitven Folgen der massiven Steigerung des Einsatzes von Bioethanol als Treibstoff.
Wie unter den Befürwortern zur massiven Steigerung des Einsatzes von Bioethanol als Treibstoff bilden sich auch auf der Seite der Gegner sonderbare Allianzen. Während der brasilianische Sozialist Luiz Inácio Lula da Silva sich gemeinsam mit US-Präsident George Bush für den so genannten Biosprit stark macht, verurteilen vom kubanischen Staatschef Fidel Castro über den Chef des weltgrößten Nahrungsmittelkonzerns Nestlé bis zum Deutschen Brauer Bund den zunehmenden Einsatz von Nahrungsmitteln zur Herstellung von Bioethanol. Castro befürchtet, drei Milliarden Menschen könnten über die steigenden Preise für Grundnahrungsmittel verhungern und verdursten, damit in den Industrienationen die Motoren brummen. Der Nestlé-Chef sieht einen "Raubbau am kostbarsten Gut", denn zur Herstellung von einem Liter Treibstoff aus Pflanzen seien 4560 Liter Wasser nötig.
Es gibt keine Alternative zum Energiesparen. Nur Energie, die wir nicht verbrauchen, kann nicht die Umwelt zerstören und hat keine negativen sozialen Folgen für die Menschen in den armen Ländern des Südens.
Und gerade heute muß ich mit dem Auto zur Arbeit fahren (32,5 km), weil der Zug, den ich sonst nehme, nur einmal pro Stunde fährt und die Nutzung des ÖPNV mich täglich fast 2 zusätzliche Stunden kostet. Die Zeit habe ich heute nicht.
Ich beobachte mit Sorge Berichte über Einschränkungen und Stillegungen im ÖPNV. Das genaue Gegenteil müsste erfolgen.
Ich habe den Eindruck, dass Forderungen nach einem Ausbau des ÖPNV zur Zeit eher als Spinnerei abgetan würden. Ich bin trotzdem sicher, es führt kein Weg daran vorbei, mit allen Mitteln für echte Alternativen dazu zu sorgen, dass jeden Tag Millionen von Einzelpersonen allein mit dem Auto fahren.
Monsanto verzeichnet Absatzsteigerung um 47 Prozent
Wie die österreichische Zeitung Die Presse am 05.04.2007 berichtet, führt die anhaltende Nachfrage nach Mais für Biosprit in den USA zu einer deutlichen Steigerung des Absatzes von Saatgut für gentechnisch veränderten Mais bei der US-Firma Monsanto.
Monsanto-Chef Hugh Grant hat Dienstagabend berichtet, dass der Gewinn im abgelaufenen Quartal um 23 Prozent gestiegen ist. Hauptgrund: Der Absatz von Gen-Mais-Saatgut ist um 47 Prozent gestiegen - und zwar wegen des Biosprit-Booms in den USA. In Amerika wird immer mehr aus Mais hergestellter Ethanol dem Benzin beigemischt. In Bälde wird das auch in Europa so sein.
(...)
Großer Renner ist derzeit "Triple-stack"-Mais: Dieser ist unempfindlich gegen zwei Schadinsekten und gegen das Unkrautvertilgungsmittel Roundup Ready. Farmer, die Mais im großen Stil anbauen - in den USA auf Feldern mit 4000 und mehr Hektar -, sparen sich dadurch Arbeit und Spritzmittel, sie haben höhere Gewinne. Während es selbst in den USA bei Gen-Mais als Nahrungsmittel Ressentiments gibt, hat niemand etwas dagegen, diese Pflanzen für Biosprit zu verwenden. 52 Prozent des US-Mais sind gentechnisch verändert.